Gedanken zu (Community) Accoutability (auf Twitter)

(Erstveröffentlichung auf Twitter am 11.04.2018)

Es folgt ein etwas längerer Thread über (Community) Accountability.

(Ich habe ihn bereits vor ca. zwei Monaten geschrieben und er ist weit davon entfernt „perfekt“ zu sein, aber ich finde ihn „gut genug“, um ein paar Grundlagen zu CA zu vermitteln. Er besteht aus zwei Teilen, einem eher theoretischerem und einem eher praktischerem. Bitte ergänzt und kommentiert gerne – ich behalte mir vor, selbst zu entscheiden, auf was ich antworten oder eingehen werde und auf was nicht.)

#CN_sexualisierte Gewalt:

Bevor ich anfange, ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass CA ein nord-amerikanisches Konzept ist, welches in Communities of Colour entwickelt wurde, um Community Mitglieder vor dem rassistischen Justiz/Knast-System zu schützen und IN den Communities zu halten.

Die (mir) am bekanntesten und seit vielen Jahren zum Thema arbeitenden Gruppen sind Cara und Generation 5.

Generation 5 haben sich so genannt, weil sie schätzen, daß es mindestens 5 Generationen bedarf, um (sexualisierte) Gewalt einzudämmen bzw. zu beenden.

Allein daraus wird schon klar, dass es sich um langsame und langwierige Prozesse handelt und nichts, was sich mit wenig Aufwand „mal eben erledigen“ lässt.

Warum ich das sage?

Weil mein Eindruck ist, daß gerade auf Twitter schnell mal „(Community) Accountability“ „gerufen“ oder „eingefordert“ wird ohne zu beachten, daß dies Arbeit ist.

Ich wünschte, es wäre anders. Immer wieder kann ich dabei zusehen, wie Menschen enttäuscht und verletzt werden weil oft nichts „passiert“ und unterschiedliche Communities dann verlassen werden (müssen) oder auch „dran zerbrechen“ (sowohl die einzelnen als auch die Communities). 

Eben weil es keine Grundlagen Arbeit gab und gibt, BEVOR etwas „passiert“, was Accountability bedarf. Keine Community kann „gut“ in Accountability Prozessen sein, wenn diese nicht „geübt“ werden und es Wissen über Handlungstrategien gibt, die nicht (komplett) aus dem Stehgreif erschaffen werden müssen.

Für CA braucht es Communities. Und Konsens. Nicht notwendigerweise im Sinne von „alle sehen alles gleich“ umso mehr aber in Bezug auf: „(sexualisierte) Gewalt gehört abgeschafft.“  

In vielen Communities ist dies aber eben leider nicht Konsens, bzw. lediglich ein „theoretischer Konsens“, dessen Praxis viele einfach ratlos gegenüber stehen.

In vielen (alternativen) (deutschen) (links/politischen) (queeren) (urban/arts and sports) Communities, die ich länger und besser kennengelernt und Teil habe, würde meiner Einschätzung nach der größte Teil schon zustimmen, wenn ich sage: „(sexualisierte) Gewalt gehört in die Tonne!“.

Sobald ich aber sage: „(Sexualisierte) Gewalt gegen queere, trans, homosexuelle, behinderte, obdachlose, nicht weiss/deutsche, in der Sexarbeit tätige, im Knast sitzende oder als all das gelesene Menschen (oder aber explizit gegen Jungs oder Männer) gehört in die Tonne.“ wird es zögerlicher. 

Vielleicht nicht bei der Zustimmung aber in den meisten Fällen in der Praxis.

Es muss kein „selbst Schuld“ kommen, eine Entsolidarisierung (auch schon im Sinne von einem „Fokus auf bestimmte Menschen“) hat oft die gleiche Aussagekraft. Nicht immer, aber oft. Dann z.B. wenn z.B. Rassismus, Sexarbeits- oder Behindertenfeindlichkeit größer ist als die Solidarität mit betroffenen Menschen bzw. diese entweder gar nicht erst als mögliche Betroffene wahrgenommen werden oder aber genau diese funktionalisiert werden.

A.) Das passiert z.B. wenn Menschen mit Fluchthintergrund als „übergriffig/er“ als weisse/deutsche Menschen dargestellt werden, vor denen weisse/deutsche (Frauen) „geschützt werden müssen“ – ohne sich dabei auch nur ansatzweise dafür zu interessieren, dass 1.: (sexualisierte) Gewalt bei der Flucht eher die Regel als die Ausnahme ist und oft sogar „der Deal“. 2.: (sexualisierte) Gewalt an weissen/deutschen in der Mehrheit von anderen weissen/deutschen, meist Nahpersonen und Familienmitgliedern begangen werden. 3.: die Betroffenenzahlen von nicht-weissen/deutschen Personen von institutionalisierter (sexualisierter) Gewalt ebenfalls höher sind als die von weissen/deutschen und das, während auch hier die Täter_innen in der Mehrheit weiss/deutsch sind.

B.) Das passiert z.B. auch wenn in der Sexarbeit (und Porno-Industrie) tätige Personen gleichzeitig sowohl als (eine) Ursache von (sexualisierter) Gewalt als auch als „die“ Opfer von (sexualisierter) Gewalt angesehen und entmündigt werden während Sexarbeit gleichzeitig als „die Lösung“ für „Triebtaten“ „verhandelt“ wird. Und das ohne hierbei zu berücksichtigen, daß auch in der Sexarbeit (und Porno-Industrie) tätige Personen von (sexualisierter) Gewalt betroffen sein können und sind. Sowohl während der Arbeit als auch im Privatleben. Sind diese dann auf Unterstützung oder Solidarität angewiesen, bleibt diese meist aus oder aber findet privat organisiert statt. 

„Begründet“ wird diese fehlende Unterstützung und Solidarität dann oft mit mehr oder weniger offenem Victim-Blaming und wird von ablenkenden Diskussionen über Sexarbeit als Arbeitsfeld und „Berufsrisiko“ „begleitet“. Hier auch wieder völlig unabhängig davon, ob die Tat in der Freizeit passiert ist oder nicht.

Betroffenen sexarbeitenden Personen wird mehr als anderen Betroffenen nicht nur die Definitionsmacht über die Tat/en und die „Schwere des Erlebens“ sondern auch insbesondere ihre moralische Integrität (was auch immer das sein soll) abgesprochen oder zumindest in Frage gestellt. Während die derer, die Victim-Blaming betreiben oder aber selbst übergriffig sind/waren (zumindest zu großen Teilen) intakt bleibt.

Fehlende oder sehr mangelhafte Konzepte vom Umgang mit „zu bändigenden Trieben“ (oder auch genau mit diesem verharmlosenden Mythos an sich) hingegen werden oft „in letzter Instanz“ in die Verantwortung von Sexarbeitenden gelegt, ohne jedoch „im Gegenzug“ die Verantwortung für dieses meist ohne Zustimmung und fremdauferlegte „Hochsicherheitsrisiko“ zu übernehmen. Die Verantwortung für beide, die Täter_innen als auch die (möglich) Betroffenen der in der Sexarbeit tätigenden Personen wird nicht nur aus der Allgemein-Gesellschaft sondern auch aus den meisten (alternativen) Communities ausgelagert. Das passiert z.B. durch Leugnung der Existenz beider Gruppen innerhalb aller Communities, welche bereits mit einer geduldeten „Verhandelbarkeit“ anfängt. Oder aber auch z.B. durch Verbreitung „euphorischer“ anstelle „informierter“ Zustimmungskonzepte. 

C.) Das passiert eben auch genau dann, wenn behinderte und/oder psychopathologisierte Menschen je nach Behinderung/Diagnose (erst entsexualisiert werden und dann auch noch) als mögliche Betroffene von (sexualisierter) Gewalt 1.: nicht gesehen und ernst genommen werden, 2.: die jeweiligen Behinderung/en/Diagnose/n die „Zeugniss-Fähigkeit“ und damit „Glaubwürdigkeit“ angeblich einschränkt oder gar verunmöglicht. Und das völlig unabhängig davon, um welche Behinderung/en/Diagnosen es sich jeweils handelt. Was auch nicht wichtig ist, es aber alles nur noch absurder macht. Und 3.: Strukturen, die es für Betroffene von (sexualisierter) Gewalt dann doch gibt, meist nicht gerade barrierearm sind oder aber bei völligem Unwissen über „Off-label-Medikamenten-Gebrauch“ oder „Trunkenkeits-Symptomen“ „Nüchternheit“ als Vorraussetzung haben.

Und das bei der recht häufigen (sowohl finanziellen als auch pflegerischen) Abhängigkeit der behinderten und psychpatologisierten Betroffenen von den Täter_innen.

Das sind nur ein paar Beispiele, wo meiner Meinung nach CA anfängt und nicht wie meist bereits schon wieder aufhört.

Hier nun zum eher praktischen Teil der Überlegungen:

CA fängt in meinem Nahumfeld bereits da an, wenn (noch) keine (sexualisierte) Gewalt statt gefunden hat.

Sie fängt da an, wo ich mich genau darüber unterhalte, warum ich bestimmten Menschen eher glaube und wem nicht.

Wem ich „Fehler“ zugestehe und wem nicht.

Bei wem ich dann doch wieder ein „selbst Schuld“, „hat’s provoziert“ oder auch einfach nur Zweifel im Hinterkopf habe.

Wenn ich mir selbst überlege, was ich für Strategien habe, sollte ich einmal (sexualisierte) Gewalt ausüben. 

Wenn ich drüber nachdenke, ob das schonmal der Fall war oder warum ich das für „undenkbar“ halte.

Wenn ich mit meinem Umfeld überlege, was wir für Strategien haben, sollte eine_r von uns mal (sexualisierte) Gewalt ausüben.

Wenn wir überlegen, ob das nicht schonmal der Fall was oder warum wir das für „unmöglich“ halten.

(Sexualisierte) Gewalt (insbesondere im Nahumfeld) ist nicht „undenkbar“. Sie ist eine Realität. Und zwar eine, die wesentlich häufiger „real“ ist, als der Mythos des „fremden aus der Dunkelheit kommenden Täters.“

Die meisten Menschen, die (sexualisierte) Gewalt ausgeübt haben, ausüben oder ausüben werden, sind (auch) nett, machen „gute Dinge“ und haben Freund_innen.

Das ist auch gut so, denn meiner Meinung nach sind das auch genau die Personen, die (im besten Falle zusammen mit Außenstehenden) die ersteren auch nur „verantwortlich“ halten können.

Dazu braucht es Vertrauen, eine Beziehung zueinander und vor allem Einwilligung. 

Ich werde hier nicht einzelne Strategien aufzählen, was „gut funktioniert“ und was nicht. Dazu gibt es bereits genug und jede Person und jeder „Fall“ ist sowieso anders.

CA klingt nach furchtbar viel Arbeit, von der der größte Teil noch lange vor uns liegen wird und die wir auch gar nicht alle überhaupt leisten können.

Aber ich finde, das ist auch gar nicht notwendig. 

Ich finde, was notwendig und auch für viele durchaus machbar ist, ist, sich z.B. die obigen Fragen zu stellen. 

Mal überlegen, warum wir uns nur für bestimmte Menschen interessieren oder einsetzen. Wann wir Vorurteilen mehr Glauben schenken als Betroffenen Personen. Warum es für viele schwer vorstellbar ist, das Betroffenheit und Übergriffigkeit auch und sogar sehr oft in einer Person zusammen fallen können. Warum das weder eine „Erklärung“, „Entschuldigung“ sein kann noch die „Schwere“ oder „Glaubwürdigkeit“ beeinträchtigen kann oder sollte.

Mal drüber reden, was wir uns selber wünschen (würden) wenn wir selbst betroffen sind. Was wir machen können, wenn mein_e beste_r Freund_in z.B. hier auf Twitter übergriffige Sachen schreibt. Und eben nicht gut auf Kritik regiert. Auf Kritik mit einem andern „-ismus“ reagiert. Einen (unberechtigten) Gegen“vorwurf“ macht. Oder wie insbesondere auf Twitter gern und häufig gesehen, Kritik nicht von Mobbing unterschieden wird oder unterschieden werden kann.

Wenn es schwer fällt zuzuhören, zu glauben etwas stehen zu lassen, auszuhalten oder nicht sofort zu reagieren.

Keine_r hat gesagt, dass CA einfach ist, aber unmöglich ist sie nicht.

Ohne Community keine Accountability.

In diesem Sinne:

Auf mehr geteilte Verantwortung!

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