Demo für alle aber keine Liebe für alle.

Ich bin heute aus reiner Neugierge bei der #demofüralle um mir das ganze Spektakel mal anzuschauen. Es handelt sich um ein eher kleines Häufchen an Leuten, die meiner Schätzung nach mal gerade eben so den Reise“bus der Meinungsfreiheit“ füllen können. Wenn überhaupt. Aber gut. Was mir noch ins Auge fällt, ist, daß dieser Bus im gleichen orange wie die Berliner Stadtreinigung gehalten ist, ganz passend zu den Inhalten also und ich ärgere mich ein wenig um die verpasste #Chance. 

Es gibt eine angemeldete Gegendemo, die sich mit dem von der Polizei ein paar hundert Meter entfernt zugeteilten Platz zufrieden gibt, und das, obwohl es keine wirklichen Zugangswegversperrungen zum #BusdesGrauens hin gibt. Auch gut, denn der Anzahl der Parteifahnen pro Teilnehmer_in nach würde diese Gegendemo auch gut und gerne als Wahlveranstaltung durchgehen.

Ein paar der Redebeiträge sind dann auch recht unterhaltsam und die Sprüche und Parolen rufen gute Erinnerungen an (demo-)aktivere Zeiten in meinem Leben hervor.

Als sich drei Wagen mit Wahlwerbung der AFD hinter uns an die Ampel gesellen gibt es zwar einen kleineren Tumult aber ansonsten bleibt es eher ruhig. Die herbeieilende Polizei entscheidet recht schnell, daß auch die AFD nicht spontan bei Grün die Kreuzung blockieren darf, duldet sie aber mitten auf dem Radweg 50 Meter um die Ecke. Die Gegendemo-Orga kündigt an, Anzeige erstatten zu wollen. Ok.

Insgesamt langweile mich etwas und fahre wieder ganz ungestört zum Bus. Ich will ja schließlich herausfinden, wen die Demo für alle denn nun mit „alle“ eigentlich meint. 

Zuerst kann ich auch ganz in Ruhe ein paar Fotos machen und mir die Plakate anschauen. „Stoppt Gender!“ Kann ich auf einem lesen. “Gleichberechtigung: Ja! Gleichmacherei: Nein!“

Auf anderen steht: „Schützt unsere Kinder!“ und: „Ehe und Familie vor!“

Viele tragen auch T-Shirts mit der Aufschrift „Ehe bleibt Ehe!“

Ja, was denn nun? Auf dem Bus steht noch „Junge = Junge“ und „Mädchen = Mädchen“ sowie auf jeder Seite:

„Lass dich nicht verwirren!“

Ok. Ich muss zugeben, jetzt bin ich verwirrt. Wissen die überhaupt, was Gender ist? 

Wer es nicht weiß, dem übersetz ich das mal: „Geschlecht“.

Gender heißt auf deutsch nichts anderes als Geschlecht.

Soso, die Demo für alle will also Geschlecht(er) abschaffen. 

Wie, verrraten sie mir leider nicht, was ich schade finde, denn auch ich finde, daß Geschlecht(er) und insbesondere die damit verbundenen Hierarchien abgeschafft gehören und bin immer auf der Suche nach Ideen und Möglichkeiten das zu tun.

Aber leider komme ich nicht mehr dazu, das die Teilnehmenden zu fragen, denn drei freundliche Polizeibeamte treten an mich heran und fragen, was ich denn hier mache. „Ich informiere mich.“ gebe ich gerne Auskunft. 

„Sie gehören auf die andere Seite.“ 

„Ach, wieso denn das?“ 

„Sie sehen so aus.“ 

Soso, auf meine Frage hin, was genau die denn damit meinen, wird an meinem Körper hoch und runter gestikuliert und „Sie sehen halt so aus.“ wiederholt. Ich nutze den Moment und richte meine Kamera auf den Beamten. Mein: „Können sie das bitte noch einmal wiederholen, was sie gerade gesagt haben?“ wird leider ignoriert dafür tritt ein weiterer Beamter heran. Ich schildere das „Problem“ und er sagt dann, dass ich ja sowas wie „Feministen-Club“ auf meinem Rücken stehen habe und das sei ja eindeutig. 

Hätte ich dieses dort tatsächlich stehen, würde ich ihm sogar zustimmen, ich frag aber lieber, ob Feminismus nicht auch „für Gleichberechtigung“ bedeuten würde. Er stimmt mir zu und ich verweise auf das Plakat, welches für Gleichberechtigung wirbt. Ich frage zur Sicherheit auch nochmal nach, ob die Demo nicht die „für Meinungsfreiheit“ sei, ich könne da ja etwas falsch verstanden haben.

Die Cops entscheiden trotz allem, dass ich nicht nach der #demofüralle aussehe und damit gehöre ich wohl mal wieder nicht zu „allen.“

Das beruhigt mich auch irgendwie, denn wer will das schon? Ich frage höflich nach der Dienstnummer der Beamten, diese werden leider nicht herausgerückt aber ich gehe trotzdem.

Nicht weit, denn auch andere sind in spannende Gespräche verwickelt. Ich geselle mich hinzu und kann u.a. aufschnappen, daß der Pressesprecher der Demo für alle es nicht diskriminierend findet, wenn homosexuelle Menschen nicht heiraten dürfen. Auf die Frage hin, wie er Diskriminierung definieren würde, hat er keine Antwort.

An anderer Stelle wird gefragt, was denn mit „Ehe = Ehe“ gemeint sei bzw. was sich mit der #ehefüralle denn für die Demoteilnehmenden persönlich geändert hätte oder ändern würde? Auch hier kommt erstmal keine Antwort, nach kurzem Überlegen aber: „Die Ehe ist für Menschen, die Kinder kriegen.“ Eine sehr interessante Definition aber nach wie vor keine Antwort auf die Frage. 

Offen bleiben auch die Nachfragen, ob die Ehe denn dann auch für unfruchtbare, ältere Menschen oder Menschen ohne Kinderwunsch verschlossen bleiben soll. Oder was mit homosexuellen Paaren sei, die Kinder bekommen können oder bereits haben?

Später wird auch gefragt, was die Demo denn unter Vielfalt verstehe und warum eine Schwarze Aktivistin, die versucht hat mit aufs Abschlussbild zu kommen denn von der Polizei daran gehindert wurde. Die Antwort darauf klingt ein wenig verteidigend und ist auch eher eine erneute Ablenkung von der ursprünglichen Frage: „Irgendwo in Österreich war auch eine Frau mit Kopftuch dabei.“ Ach so. Das klingt nach meiner Oma, die zwar nicht mehr lebt, aber gerne mal ein Kopftuch getragen hat. In guter deutscher Trümmerfrau-Tradition. Meine Oma – „jetzt auch neu, als Quoten-Vielfalt“ – sogar sie würde sich im Grabe umdrehen.

Ich drehe mich auch um, denke mir, dieser Bus wird mich nicht ins Grab bringen und gehe.

Auch die Demo für alle geht für alle vorbei, es wird zum Abschlussfoto gerufen, drum gebeten, alle fertig gedruckten Plakate wieder brav und ordentlich in den Bus zu legen und sich zu 220.000 gesammelten Unterschriften gratuliert. Ich frag mich ernsthaft wo, denn vor Ort, in der Pampa vorm Kanzleramt, gab es z.B. nun wirklich keine zufällig vorbeilaufenden Leute, die zum Gespräch hinter die Absperrung eingeladen werden konnten und Online-Recherche über den bisherigen Verlauf der Bustour ergeben auch andere Zahlen, aber gut, Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. 

Ich glaub nicht dran, aber das ist mir eigentlich auch egal, ich war ja schon auf dem Heimweg. Genau wie der Bus, allerdings ohne Polizeibegleitung. Denn die hab ich nicht nötig, ich laufe ja auch nicht Gefahr mit einem Mülltransporter verwechselt zu werden.

Ich gucke dem Bus hinterher und kann zum Abschied noch lesen:

„Manche Dinge sind einfach und logisch.“

Weniger Inhalt gibt es nur, wenn die BSR gerade da war.

Später erfahre ich, daß jemensch einen „Liebe für alle“ Aufkleber auf den Bus geklebt hat, aber der wurde sofort wieder entfernt. 

Das geht anscheinend doch zuweit. „Demo für alle“, ja klar – aber „Liebe für alle“? Wo kämen wir da denn hin?